Menschen lernen von Menschen

Newsletter April 2021/ ColearningBern.ch

Wie lernen Menschen?

Robert Wilson ist einer der bekanntesten Theaterregisseure der Welt.
Eine formale Ausbildung hat er nicht. Er kam zu seiner Kunst, weil er Tänzern zusah, mit einem tauben Jungen zusammenarbeitete und einem Autisten, der später ein berühmter  Maler und Dichter wurde. Und er meint: Es ist eigentlich ganz einfach. Menschen lernen von Menschen.

Seit dem Erscheinen unseres letzten Newsletters ist einige Zeit vergangen. Die Umstellungen im Colearning etablieren sich, obwohl auch wir weiterhin durch Corona eingeschränkt sind. Regelmässig finden sich ein paar Colearner im Coworking Space ein, arbeiten an ihren Projekten, tauschen untereinander aus und kommen in Kontakt mit anderen Coworkern. Die Colearner, ob Juniors oder Seniors, sind zu einem festen Bestandteil des Coworking Space Effinger geworden. 

Die eingangs erwähnte Aussage leitet einen Artikel ein, der in der „Edition brand eins Bildung“ abgedruckt ist. Der Titel dieser Sammlung von Texten aus den letzten gut 10 Jahren heisst „Lernen lernen!“ und will aufzeigen, was möglich ist, wenn wir das Lernen möglich machen wollen. Der Begriff von Bildung, den die Beiträge von verschiedenen Autoren herausarbeiten, überzeugt auch uns Colearner: „Bildung - das sind nicht Noten, Zeugnisse oder Abschlüsse. Bildung ist die Fähigkeit, sich in der Welt zurechtzufinden und sich selbst zu helfen.“ 

Agiles Arbeiten motiviert zu agilem Lernen - und umgekehrt

Es ist eine massgebende Intention von Colearning und Coworking, Raum zu bieten, damit Menschen schöpferisch tätig sein können, eigenständig und in Verbindung mit anderen. Ob sie sich nun in ihren Projekten ganz auf das Lernen konzentrieren, oder die Learnings mehr oder weniger bewusst bei Erwerbsarbeit geschehen, spielt eigentlich keine Rolle. Beides gelingt nur, wenn mit Überzeugung in einen Sachverhalt oder ein Thema investiert wird, wenn mit Strategie und Motivation auf ein Ziel hin gearbeitet - oder eben gelernt wird. Schön, wenn sich diese Handlungen und Welten immer mehr vermischen, Coworkern und Colearnern bewusster wird, wie sehr sie ständig dazulernen und sich sowohl als Person wie auch in ihrer Expertise weiterentwickeln - und einander bereichern. 

Diese Verknüpfungen von Arbeitsprozessen und kontinuierlichem Lernen werden immer deutlicher. Nachhaltiges Lernen heisst nicht einfach kopieren und nachmachen (oder auswendig lernen). Es meint teilhaben, durchdringen, aufschlüsseln, verknüpfen von Sachverhalten und Situationen, erkennen und lösen von Problemen.

Solche praktischen Gelegenheiten ergeben sich für die Colearner immer häufiger. Schon nur ein informeller Austausch mit einem Coworker, einer Coworkerin kann Türen öffnen, ein Hinweis eines Mentors zu einer Kontaktnahme führen. Das Dabeisein bei einem Arbeitsgang gibt Einsichten, das Mitwirken ist das Doping, um selber weitere Lernanstrengungen zu unternehmen.

Die Anwendung von Instrumenten zur Dokumentation (Video, Audio, Blogbeiträge verfassen) machen Lernprozesse und -ergebnisse sichtbar und geben Gelegenheit, sich mit erarbeiteten Inhalten zu befassen und mit Interessierten in einen Dialog zu kommen.

Wir lernen laufen, indem wir laufen

Eine Lauflehre für Kleinkinder gibt es nicht. Und doch haben wir es alle gelernt. Selber! Lernen wir auch lernen? Leider eher nein. Spätestens mit dem Eintritt in die Schule wird aus dem Lernen Unterricht. Naturkunde, Mathematik, ja sogar Zeichnen und Sport muss nun gelehrt werden. Vorzugsweise durch Erwachsene. Beibringen, Vermitteln von Inhalten und Belehren anstelle des Lernens. Das natürliche Lernen verkümmert. Die Begeisterung, der “Dünger für das Gehirn”, wie Gerald Hüther (Neurobiologe und Buchautor) so schön sagt, verabschiedet sich durch die Hintertüre. Doch das muss nicht so sein!

Etwas passiert, und dann passiert etwas

Wir versuchen im Colearning diesen verlorenen Faden wieder aufzunehmen. Der Motor zum Lernen ist die Neugier, das Interesse. Der Drang, mehr wissen und können zu wollen, Antworten auf eigene Fragen zu finden. Diesen Prozess unterstützen wir. Als Begleiter:innen und Ermöglicher:innen. Und wir helfen, um ein Auge und ein Gefühl zu bekommen, für das, was geschieht, wenn gelernt wird. Denn so kann aus dem eigenen Lernen für das weitere Lernen viel gelernt werden. „Lernen sichtbar machen“ ist der entscheidende Aspekt. Ein Blick in die Blogs der Colearner zeigt, wie sich auf diese Weise Lernwelten öffnen und neben Inhalten immer häufiger auch Lernerfahrungen und -strategien beschrieben und geteilt werden. Und darum geht es! Daraus lernen wiederum alle voneinander - miteinander! 

Dass diese Erkenntnisse schliesslich regelmässig in einem Mentoring besprochen werden, gehört nach wie vor zum elementaren Setting unseres Projekts. 

Learning by doing. So wachsen auch unsere jungen Colearner immer mehr in die gemeinsame Verantwortung hinein. Unsere neue Website wird zum gemeinsamen Lernprojekt, einige sind dabei bei der Planung unserer Schatzwanderung und erste Mentorings werden übernommen von Jugendlichen, die nun selber von der Rolle des Mentees in die Rolle des Mentors schlüpfen. Hilf mir, es selbst zu tun! Und ein weiterer wichtiger Aspekt des Lernens bekommt so Raum: Meinen Lernzuwachs festigen kann ich am besten, wenn ich die Erkenntnisse mit anderen teile.

Wie sagte doch Robert Wilson eingangs: Menschen lernen von Menschen! 

Ermöglichen als Grundhaltung

Das Editorial der Chefredakteurin von brand eins endet mit der Feststellung, dass man kluge Pädagog:innen auch Möglichmacher:innen nennen könnte. Als das verstehen wir uns auch im Colearning. Gegenseitig. Als Begleiter:innen und Mitgestalter:innen von Lernprozessen. Und sie meint, diese Menschen würden noch nicht die Mehrheit bilden. Doch es gebe sie überall auf der Welt. Genau! Eben auch im Effinger in Bern! Und es werden immer mehr. Davon sind wir überzeugt. Darum sind wir offen für Menschen jeden Alters, mit den unterschiedlichsten Lebens- und Lernvorhaben, die gerne Teil unserer Colearning-Community werden möchten. 

Eine Kontaktnahme ist jederzeit möglich und würde uns sehr freuen. 


Eine Möglichkeit, spontan mit uns in Kontakt zu kommen, ist die geplante Schatzwanderung. Gemeinsam sind wir zwei Tage im Westen von Bern unterwegs. Natürlich kann man auch nur Halbtags dabei sein. Einfach, um mal ein paar Schritte mitzugehen und reinzuschnuppern in die Welt der Colearner. Weitere Informationen auf der Website unter Events.

Kontinuierliches Lernen ist lebensbegleitendes Lernen

Der weitere Verlauf der Pandemie ist ungewiss. Wir werden uns in den nächsten Wochen fragen, was wir aus unseren bisherigen Erfahrungen lernen können und welches die nächsten Entwicklungsschritte sein können. Colearning ist eine wunderbare Ergänzung von Coworking. Warum sollen Coworking & Colearning Spaces nicht die Lernhäuser, die Lern- und Arbeitsorte, die Bildungshubs der Zukunft sein? Agiles Arbeiten eng verbunden mit agilem Lernen. Kontinuierliches Lernen in Verbindung mit lebensbegleitendem Lernen. Für junge und routinierte Lerner:innen. Orte des Austauschs und der Inspiration. Losgelöst von überholten, blockierenden Strukturen. 

Bei der Lektüre der Edition von brand eins bin ich bei einem Text von Wolf Lotter angekommen. Er ist Wirtschaftspublizist und Mitgründer des Wirtschaftsmagazins brand eins. Zum Schluss noch ein paar Aussagen, aus seinem lesenswerten Artikel.

Bildung ist kein Selbstzweck, sondern muss sich am Glück derer messen, die sie erfahren.
Wer sich über Zeugnisse definiert, hat nichts gelernt. Bildung ist Entwicklung und kein Prüfverfahren. Bildung ist der Schlüssel für ein gelungenes Leben. Lernen ist aber mehr. Es bedeutet nicht, alles zu wissen, sondern maximale Entwicklungsfähigkeit.


Unsere Entdeckungsreise geht weiter! Und wir lernen jeden Tag dazu.


Herzliche Grüsse

Fredi Zumbrunn

Colearning-Community Effinger Bern


Erwähnte Quelle: edition brand eins, 4. Jahrgang, Heft 11, Februar-März 2021