Von Symptomen, Symptombekämpfung und Symptomträger:innen

Wir wissen es ganz genau. Symptombekämpfung bringt uns nicht weiter. Wenn sich bei mir immer wieder die gleichen Krankheitssymptome zeigen und ich sie mit immer stärkeren Medikamenten einfach wegdrücke, muss ich damit rechnen, dass es so nicht wirklich besser wird. Es geht nicht anders: Ich muss die Ursache der Schmerzen ergründen und mich daran machen, die so erkennbare Erkrankung in geeigneter Weise zu behandeln. Nur das hilft auf Dauer. Und kann zu einer nachhaltigen Lösung führen. Oder könnte. 

Ursache des Problem

Auch sonst im Leben geraten wir immer wieder in Situationen, wo entscheidende Verbesserungen nur zu erreichen sind, wenn wirklich nach der Ursache des Problems gesucht wird. 

Denken wir nur an die gesellschaftlichen Probleme, die uns zur Zeit beschäftigen. Angefangen bei der Klimakrise, hin zur Energiekrise, zu Problemen im Gesundheits- oder Bildungswesen, zum Aufkommen der Rechtspopulisten in der Schweiz und in ganz Europa, zur Altersvorsorge, zu den sich verschärfenden Ungleichheiten, Diskriminierungen, Unterdrückungen und, nie abschliessend, hin zu den Kriegen, die viel Leid verursachen, uns alle bedrücken und unser Leben in irgendeiner Form verändern.

Das alles stimmt nachdenklich. Es macht traurig. Und es lässt eine Ohnmacht aufsteigen, die in fieser Art und Weise dazu beitragen kann, dass sich niemand mehr an Ursachen und Lösungen für all diese Herausforderungen heranwagen mag. 

Gerade der Konflikt in Nahost macht deutlich, wie sehr wir uns als Europäer darauf eingerichtet haben, dass ein eigentlich ungerechtes Verfahren in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts zwar den Juden ein Land geschaffen hat, dabei jedoch ein anderes Volk, die Palästinenser, entrechtet wurde und in die Unterdrückung und in die Diskriminierung geraten ist. Man hat Friedensverhandlungen geführt und Abmachungen getroffen, die kriegerischen Handlungen immer wieder für eine gewisse Zeit unterbrechen können. Das Symptom bekämpft. Der wahre Konflikt an der Wurzel schwelte jedoch weiter und weiter. Bis es jetzt zu diesem terroristischen und barbarischen Überfall auf Israel gekommen ist. 

Es fällt mir gerade in diesen Tagen extrem schwer, mich auf andere Themen einzulassen. Ich schaue zurück auf eine Zeit, in der wir uns immer mehr damit anfreunden durften, ja es schon fast als eine Selbstverständlichkeit erachteten, dass in Europa Frieden herrscht. All die Anstrengungen und Hoffnungen nach der deutschen Wiedervereinigung mit der Öffnung des Ostens anfangs der Neunziger Jahre scheinen nun in sich zusammenzufallen oder in Frage gestellt. Und rechtsextremes Gedankengut wächst immer stärker ins bürgerliche Lager hinein. Auch in der Schweiz.

Wurden ganz allgemein zu viele Ursachen von Problemen zu wenig konsequent und ehrlich angepackt? Liessen wir uns zu sehr davon blenden, wenn Politiker uns weismachten, dass “Wandel durch Handel” das probate Mittel ist, um möglichst viele Länder und Menschen durch marktwirtschaftliche Errungenschaften in demokratische Gesellschaftsformen hinein zu führen? Ist uns nun die damit verbundene Gier, unser ausbeuterisches Streben nach Macht und Kapital, zum Verhängnis geworden? 

Es gab immer Bestrebungen, diese Auswüchse zu bekämpfen. Auch in der Schweiz. Doch auch hier: Es blieb bei der Symptombekämpfung. Korrupte Politiker haben es auch bei uns immer besser verstanden, das rechtsstaatliche System zu unterlaufen. Auch wenn es nur darum ging, einem Grosskonzern oder gewissen Banken Vorteile zu verschaffen oder einem Gesetz in der parlamentarischen Debatte alle Zähne zu ziehen. Die Demokratie nimmt Schaden. 

Sicht- und Schichtwechsel

Bei mir liegen eine Vielzahl von angefangenen Texten herum. 

Das ist nicht neu und auch nicht weiter schlimm. Finde ich. Manchmal.
Nach einer Reihe von Travel Stories, alle geschrieben auf meiner Reise durch den Balkan im Frühsommer, ploppten immer wieder Themen, Gedanken und Ideen auf, zu denen ich ab und zu etwas notiert habe. Es blieb jedoch bei Textanfängen. Auch Lernerfahrungen fasste ich auf diese Weise regelmässig in Worte. Irgendwie fand ich jedoch in den letzten Monaten nie die Ruhe oder kam in den Fluss, um das eine oder andere Fragment zu Ende zu denken. Das Symptom? Keine Blogs, Schreibstau. Die Ursache? Da kommt mir spontan Einiges in den Sinn: fehlendes Interesse, Abgelenktheit durch viele andere Projekte und Arbeiten, Unlust. Oder hatte ich einfach gerade nichts für mich Bewegendes zu berichten? Alles möglich. Eine Vielzahl von Gründen kann die Entwicklung einer Sache beeinflussen. Doch: Wie gelingt nun der Ausstieg aus der schreibmotivationalen Negativspirale? 

Inspirationsquelle

Über Wochen nicht wirklich. Bis heute. Was ist geschehen? Nichts Ausserordentliches. Doch, halt: Ich schreibe diese Zeilen. 

Gerne hätte ich jetzt natürlich geschrieben, dass mich diese eine bestimmte Technik oder eine sehr zu empfehlende Massnahme wieder zurückgebracht hat an den Schreibtisch. Nun. Es war wohl einfach an der Zeit. Lust, Neugier, Fluss wächst nach. Wenn ich mich darauf einlasse und es zulasse. Oder wenn ich mal ablasse vom unbedingt Gewollten. Locker bleibe. Anderes in den Fokus nehme, ersteres jedoch nicht ganz loslasse. Und dann: Warten und darauf vertrauen. Dass schon kommt, was sich zeigen will. Oder endgültig weg bleibt, was nicht sein soll. Also doch noch eine Art Technik. Wohl eher ein unterstützendes Verhalten. Oder noch besser: eine Haltung. Alles ist möglich, nichts muss sein. Gelassenheit. 

Ich stecke in den Anfängen einer gestalterischen Arbeit. An zwei, genau genommen. Einerseits versuche ich, bestimmte Begriffe oder Aussagen zu Reisestimmungen oder -erfahrungen mit während der Reise gesammelten Materialien in eine visuelle Umsetzung zu bringen. Andererseits bin ich daran, eine grosse Wand in meiner Wohnung mit gesammeltem Karton, Papier, Fotos und Bildern, Texten und Farben bunt zu gestalten. 

Doch zuerst suche ich Inspiration für die erwähnten Reisecollagen. Und begegne den erwähnten Texten. Es ergeben sich Impulse. Wie weit sie tragen, wird sich zeigen. Und, oh Wunder: Einige der aufgefundenen Textfragmente locken mich. Woraufhin? Auch das wird sich zeigen. Ich schreibe. 

Symptombekämpfung 

Ich lese zum Beispiel diese Notiz, erstellt nach einem Gespräch in einem albanischen Restaurant vor einigen Monaten. Der Besitzer vom Campground hat sich zu uns gesetzt. Wir staunen. Er spricht uns Schweizerdeutsch an, erzählt uns, dass er seine Ausbildung in der Schweiz gemacht hat. Er ist seit einigen Jahren zurück in Albanien, obwohl er das eigentlich nie wollte. Ein verlockendes Jobangebot hatte ihn zurückgebracht. Und ihm zusätzlich die Möglichkeit verschafft, auf dem Land seiner Eltern einen witzig gestalteten Campingplatz zu erstellen. 

Unser Gespräch dreht sich bald vor allem um das Problem, dass er nur schwer junge Arbeitskräfte für seinen Betrieb findet. Und das, obschon die Jugendarbeitslosigkeit sehr hoch ist. Er stellt fest, dass viele Junge aus dem Land weg wollen oder schlicht kein Interesse an Arbeit hätten. Oder dass sie rumhängen und sich lieber mit dem Handy beschäftigen. Um nicht arbeiten zu müssen, hätten sie sich sogar einen sehr minimalistischen Lebensstil angewöhnt.

Was tun? Mit höheren Löhnen locken? Arbeitszeiten anpassen? Berufsfelder neu gestalten? Er erzählt, dass er schon so einiges ausprobiert hat. Ich sage ihm, auch bei uns herrsche Fachkräftemangel. Und auch bei uns seien die Zeiten vorbei, in denen sich Unternehmer:innen ihre Arbeitskräfte unter vielen Bewerber:innen aussuchen konnten. Wir sind uns einig: Symptome bekämpfen bringt uns nicht weiter? Was dann? Wie kommen wir an die Ursache des Problems ran? Was würden wir denn als Ursache bezeichnen?

Beteiligen und Mitwirken

Ein paar Diskussionsschleifen und Rakis später finden wir uns in einer wesentlichen Erkenntnis. Beteiligung ist für uns beide der entscheidende Move. Und darum: fehlende Beteiligung, fehlende Teilhabe, eine der entscheidenden Ursachen für mögliches Desinteresse. Wir müssen Betroffene, Angestellte, Mitarbeiter:innen ganz anders beteiligen. Wenn sie sich in ihrem Sein gesehen und angenommen fühlen, wenn sie sich als Mensch mit Ideen und Vorstellungen einbringen können, wenn ihnen gar Betriebsbereiche anvertraut werden, dann könnte sich vielleicht fast so etwas wie Identifikation mit dem Betrieb einstellen. Unserem Gastgeber scheint klar zu sein, dass es in diese Richtung gehen muss. Zwei junge Männer, die uns den ganzen Abend bekocht und bedient haben, wären offenbar schon mal da, um einen Versuch in Richtung Teilhabe und Mitverantwortung zu wagen. 

Wir müssen ganz generell aufhören zu glauben, dass (junge) Menschen wie selbstverständlich weiterhin bereit sind, für Lohn die Arbeit anderer zu erledigen. Generationen von Arbeiter:innen haben das nun in den letzten Jahrzehnten praktiziert. Sie konnten, zumindest bei uns, ganz gut davon leben, haben dafür jedoch ihre Seele und einen grossen Teil ihrer Lebenskraft verkauft. Denn: Ohne Arbeit und ohne Lohn keine Existenz. Das mag auch heute noch so sein. Gleichwohl. Der Spiess scheint sich zu drehen. Menschen müssen nicht mehr froh sein, irgendeine Arbeit zu bekommen. Gute Arbeitskräfte werden rar und rarer. Vielleicht sollten wir ganz einfach damit aufhören, über Fachkräftemangel zu jammern. Vielleicht sollten wir viel eher daran gehen, Expert:innen für bestimmte Tätigkeiten zum Mitwirken an einem gemeinsamen Projekt einzuladen. Offen sein für Menschen, die nicht nur Arbeitskraft, sondern auch Mitdenk- und Mitlenkkraft sein wollen. Gründen wir eine Arbeitskultur, die das von- und miteinander Lernen zu einem wesentlichen Bestandteil von beruflichem Wirken erklärt. Beginnen wir Firmenkulturen zu leben, die nicht mehr dem Top-Down-Schema folgen. Vertrauen und Zutrauen sind die prägende Zusammenarbeitskultur. Vision, Illusion oder gar Utopie? Es könnte eine bald verbreitete Realität werden. Im Effinger Coworking Space mit Kaffeebar praktizieren wir diesen Umgang seit einigen Jahren. Und machen gute Erfahrungen.   


Ich habe nichts gegen Arbeit. Doch es darf nicht sein, dass Arbeit einzig dem Broterwerb dient und sich viele Menschen darum Tag für Tag quasi verdingen müssen. Arbeit soll eine schöpferische Tätigkeit sein, in die ich mich mit meiner ganzen Person und meiner ganzen Energie eingeben darf. Und zwar, ohne ausgenutzt zu werden. Arbeit soll eine Tätigkeit sein, die Spass macht, die mich begeistert und zu einer inneren Zufriedenheit führt. 

Steht der Fachkräftemangel also auch als Symptom für eine Entwicklung in den letzten Jahrzehnten, die viel zu wenig auf den Menschen und seine Talente und Fähigkeiten und viel zu sehr auf die Arbeitskraft und den Menschen als auszubeutende Ressource fokussierte? Ich fürchte, das ist so. Und ich fürchte auch, dass ganz viele Unternehmen und Organisationen immer noch nicht erkannt haben, dass Zusammen-Arbeit auf eine weit sinnvollere und motivierende Art gestaltet werden könnte. 

Mittendrin statt nur dabei!

Wir müssen also zu Formen finden, da waren wir uns in unserem Gespräch an einem Tisch im Norden Albaniens einig, die mitarbeitende Menschen viel intensiver in Arbeits- und Entscheidungsprozesse einbeziehen. Ohne hierarchisches Denken. 


Diese Beteiligung müsste früh im Leben beginnen. Mittendrin statt nur dabei! Ein Slogan, der mal zu einer Fussballsendung gehörte. Passt gut. Wer dazugehört und Teil eines grösseren Ganzen ist, wird viel eher Verantwortung übernehmen und eigenständiger im Sinn des Ganzen handeln. Neben der Familie wäre das Schul- und Bildungswesen natürlich der beste Ort, um bereits in jungen Jahren Mitwirkung und Mitverantwortung erleben zu dürfen. Doch diese partizipative Kultur der geteilten Verantwortung scheint gerade in diesen Instituten wenig Raum zu finden. Schade. Lehrpersonen, Kinder und Jugendliche leben in nach wie vor sehr hierarchisch gedachten Welten. Wichtige gesellschaftliche Entwicklungen werden selten im Schulleben aufgenommen und zu einem prägenden Teil der Arbeits- und Lernkultur. Die Organisation als Ganzes ist nur widerstrebend bereit, Veränderungen aufzunehmen und ganz allgemein ins tägliche Handeln einfliessen zu lassen. Das Kennenlernen von demokratischen Prozessen gilt als abgehandelt, wenn im Stundenplan Staatskunde steht oder sich Klassen und Schulen durch sinnentleerte und einfach aus der Erwachsenenwelt übernommene Ratssitzungen quälen. Das ist dann Mitbestimmung. Oder beteiligen dürfen sich Schüler:innen in sogenannten Klassenstunden, die zu oft vor allem zu Informationsanlässen mutieren. Wenn sie nicht gerade ausfallen. 

Schulleben wird vielmehr zum hoch getakteten Hindernislauf durch alle möglichen Unwegsamkeiten und Behinderungen. Und so wird es extrem schwierig, Betroffene, seien es nun Lehrpersonen oder Schüler:innen, zu motivierten Beteiligten werden zu lassen. 

Die Praxis zeigt leider vielerorts ein anderes Bild. Ein Heer von Berater:innen und Therapeut:innen ist mit nichts anderem beschäftigt, als die Symptome von hausgemachten Problemen so gut es geht zu bekämpfen. Nur traurig und ungerecht, wenn die Symptomträger:innen vor allem unschuldige Kinder und Jugendliche sind. Sie leiden unter Ursachen wie bewegungsfeindlichen Umgebungen, überfüllten Stoffplänen, rigiden Beurteilungs- und Selektionsmechanismen. Sie können diesen Problemen nicht ausweichen, werden, wenn sie Pech haben, selber zum Problem, weil sie sich nicht in der Weise konditionieren lassen, wie das zum Durchlaufen der Schule nötig wäre. Ein Dilemma. Ein Fiasko.

Ignacio Estrada
Ignacio Estrada

Für jede Wirkung muss es eine Ursache geben. Das besagt ein Naturgesetz. 

Die Ursachen für viele Probleme, sei das nun im Bildungs- und Gesundheitswesen, im Asyl- und Sozialwesen oder in der Politik und der Berufswelt, sind längst bekannt und umschrieben. Doch Ursachenumschreibung und Wirkungs- Symptombekämpfung kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Wir brauchen nachhaltige Lösungen. Keine Flickschusterei. 

Ständige Brandbekämpfung kann Organisationen auslaugen. Arbeiten werden in ungenügender Qualität “abgeschlossen” oder liegen gelassen. Es wartet der nächste Brandherd. Diese Systeme werden zunehmend toxisch. Das Bildungs- und das Gesundheitssystem haben diese Schwelle erreicht. Oder bereits überschritten. Viele Menschen sind hart betroffen, als Pflegende oder als Patient:innen, als Lehrpersonen oder Schüler:innen.

Eine wichtige Kompetenz, die in schulischen Fächern “vermittelt” wird, ist die Problemlösefähigkeit. Nun, es warten offensichtlich Gelegenheiten genug, diese Kenntnisse nun auch in Lösungsvorschläge einfliessen zu lassen. Ob der Zeitpunkt gekommen ist, Betroffene wirklich wirklich zu Beteiligten zu machen? Bleibt die Kraft und die Überzeugung, um Veränderungsprozesse nun gemeinsam anzupacken? Auf Augenhöhe? 

Die Hoffnung bleibt. Die nächsten Jahre werden es weisen.