
Ich nehme mir mal wieder Zeit, den digitalen Garten auf Discord etwas zu durchstreifen. Eindrücklich, was da an Lernerfahrungen, Erkenntnissen und Lernreflexion zusammenkommt. Hinter jeder Ecke gibt es etwas zu erfahren, zu entdecken. Und weil die beschriebenen Erfahrungen oft mit gestalterischen Themen und natürlich mit Fragen rund ums Lernen zu tun haben, interessieren mich die Berichte und lassen mich eintauchen, beobachten und mitgehen. Ich erfahre auf diese Weise vieles, was mir sonst verborgen bleiben würde. Ich bekomme Einblick in Handlungen und Vorgehensweisen, die sich mir sonst nicht erschließen würden. Und ich lerne Sichtweisen kennen, die auf Geschehnissen beruhen, die ich so oder ähnlich auch schon erlebt habe. Oder auch nicht.
Mit jedem Blog öffnet sich mir ein Lernuniversum. Lernende geben Einblick in ihr Denken und Handeln. Ich verfolge interessiert, wenn aus der Idee, einen 3D- Drucker zu beschaffen, ein spannendes und lernreiches Projekt wird. Denn einer möglichen Beschaffung gehen Abklärungen voraus, muss unter bestimmten Kriterien unter unterschiedlichen Modellen abgewogen werden. Wie setzen wir das neue Gerät ein? Lässt sich die Investition auch wieder refinanzieren? Nicht selbstverständlich, wenn sich Erwachsene diese Gedanken machen. Aber Jugendliche? Der Drucker ist angeschafft, erste Produkte erstellt. Alles dokumentiert. Und ich bin mit dabei. Habe sogar die Möglichkeit, auch mein Lerninteresse in einem Kommentar kund zu tun.
Bei meinem Streifzug durch die verschiedenen Aktivitäten, mache ich mir natürlich immer auch Gedanken dazu, wie ich denn selber vorgehen würde und was ich aus den beschriebenen Situationen lernen könnte.
Worauf würde ich zum Beispiel achten, wenn es darum ginge, das schon bestehende Gestaltungskonzept einer Urkunde im passenden Sinn weiter zu entwickeln? Wie viel Veränderung bleibt möglich, wenn der bestehende Stil sichtbar bleiben soll?
Kann ich mir die Kreation eines kleinen Buches plastisch vorstellen, das nur aus einer papierenen Einkaufstasche gefertigt wird? Gerade erfahre ich, dass ich es austesten kann. Anfang Mai wird dazu ein Workshop angeboten. Oder könnte ich mir ein Arbeiten im Atelier von Graziella, einer Grafikerin, vorstellen? Wie würde mein Programm aussehen, wenn ich zu einem Creative Day einladen würde? Worauf würde ich bei der Gestaltung der Website achten und wie müsste ich vorgehen, wenn ich selbst eine solche Seite entwerfen möchte? Spielt Vibe coding hinein? Mit KI würde wohl auch ich eine einfache Seite hinkriegen. Nehme ich an.

Ich lese Blogs, die gehen ziemlich ins Detail und mobilisieren meine Gehirnzellen gewaltig. So gehe ich in Auseinandersetzung mit einem Blog, der in feinsten Nuancen Basics für Colorgrading (Farboptimierung bei Foto- und Videomaterial) liefert, oder mit einer filigranen Abhandlung eines anderen Colearners zur Frage, ob die historische Bündelungslogik von Schule (EINE Lehrperson, EIN Klassenzimmer, EIN Fach, EIN Weg) noch zwingend (oder gar vertretbar) ist, sobald adaptive Unterstützung, Diagnose und Rückmeldung, zum Beispiel mittels KI, technisch machbar und skalierbar werden. Spannende Frage, die nicht einfach nach einer anderen Schule ruft, sondern eher nach etwas Anderem als Schule fragt. Wie Colearning, zum Beispiel.
Auch wenn ich den Text zum Colorgrading nur ansatzweise in mein bestehendes Wissen einordnen kann, macht er mir doch deutlich, mit welcher Leidenschaft hier ein junger Mensch ein Thema durchdringt und eine Reflexion seiner Erkenntnisse bietet, die auch anderen Interessierten eine Fülle von Hinweisen und Tipps geben kann. Das Voneinanderlernen ist nicht nur mitgedacht, es wird als Einladung praktiziert. Colearning at its best. Einmal mehr.
Selbst Colearner, bin ich natürlich begeistert, wenn in einem Blog zu beruflichem Handeln Learnings gar noch speziell herausgearbeitet und gut sichtbar gelistet werden. So wird auch mir zum Beispiel wieder bewusst, wie nützlich und sinnvoll To-Do-Listen sein können, oder wie wichtig es ist, sich bei Überforderung Unterstützung zu holen.
Einem Grundgedanken von Colearning begegne ich erfreulicherweise auf meinem Spaziergang immer wieder. Es ist eine Form des natürlichen Lernens, die das Beiläufige im Lernen so schön symbolisiert. Wiederholt werden Lernerfahrungen beschrieben, die mit einer Beobachtung, mit einem Dabeisein, mit einem Mitgehen beginnen, allmählich in ein Mitmachen und Mitwirken übergehen, um dann zum Selbermachen und eigenständigen Tun zu führen. LOPI nennen wir diese Form des Lernens. Learning by Observing and Pitching In. Wie ideal verläuft doch Lernen, wenn ich vorerst beobachtend bei einer mir noch wenig vertrauten Tätigkeit dabei sein kann, um dann Schritt für Schritt und in Begleitung in die Verantwortung zu gehen.
“Zurück in die Zukunft des Lernens” nennen wir das Kapitel in unserem Framework, wo wir ausführlicher beschreiben, was wir mit dieser Art von Lernen meinen. Und weil wir überzeugt sind, dass aufmerksames Zuschauen, Nachahmen und Mitwirken selbstbestimmtes Lernen fundamental unterstützt, erachten wir diese Art von Lernen nicht nur als sehr zeitgemäss, sondern auch als zukunftsorientiert.

Ich stehe am Ende meines Spaziergangs. Schon stehen zwei weitere Blogs zum Lesen und Kommentieren bereit. Der Garten wächst. Unterschiedlichste Menschen hinterlassen ihre Spuren. Waren es zu Beginn von Colearning vor allem erwachsene Colearner:innen, die Einblick gegeben haben in ihr Lernen, sind es momentan vor allem Jugendliche. Schön und doch schade. Denn auch die Erwachsenenperspektive aufs Lernen kann viel dazu beitragen, das Lernen aus unterschiedlichsten Blickwinkeln zu betrachten und im Austausch von- und miteinander zu lernen. Also, liebe erwachsene Colearner:innen: Last hören und sehen!
Fredi Zumbrunn